Autor: Reiner Stach
ISBN-13: 9783100751140
Einband: Buch
Seiten: 640
Gewicht: 1002 g
Format: 219x158x52 mm
Sprache: Deutsch

Kafka

Die Jahre der Entscheidungen
 Buch
29,90 €*
Die erste große Kafkabiographie in deutscher Sprache
1910 bis 1915: Dies sind die Jahre, in denen sich der junge, ungebundene, beeinflussbare Kafka verwandelt in den verantwortungsbewussten Beamten und zugleich in den Meister des präzisen Alptraums und des >kafkaesken
Autor: Reiner Stach
Reiner Stach, geboren 1951 in Rochlitz (Sachsen), arbeitete nach dem Studium der Philosophie, Literaturwissenschaft und Mathematik und anschließender Promotion zunächst als Wissenschaftslektor und Herausgeber von Sachbüchern. 1987 erschien seine Monographie >Kafkas erotischer Mythos
Prolog Der schwarze Stern Mittwoch, 18. Mai 1910. Ein Himmelskörper nähert sich der Erde. Seit Monaten schwatzen Zeitungsmeldungen von einem möglichen Zusammenstoß, von gigantischen Explosionen, von Feuerregen und Flutwellen, vom Weltuntergang. Schon prähistorische Zeiten kannten ihn, die Menschen des Mittelalters versetzte er in gläubige Panik. Längst aber hat sich herausgestellt, daß der Halleysche Komet eine pünktlich wiederkehrende Erscheinung ist. Kein von himmlischen Mächten gesandter Unglücksbote, sondern ein elliptisch um die Sonne wandernder Klumpen aus porösem Gestein und Eis, dessen Auftauchen man auf Tag und Stunde genau vorhersagen kann. Alle 76 Jahre tritt er aus dem Dunkel sonnenferner Räume und zieht eine Schleppe aus Licht über den Himmel. Woraus dieses Feuerwerk besteht, weiß man seit Erfindung der Spektralanalyse: Kohlenwasserstoffe, Natrium, alles längst bekannte Elemente und Verbindungen. Ein wenig Blausäure, für den Menschen tödlich, ist auch darunter. Daß der Kern des Kometen schwarz ist, schwärzer als Kohle, weiß man noch nicht. Die Fachleute winken ab. Halley wird, wie stets, die Erde verfehlen, diesmal um mehr als zwanzig Millionen Kilometer. Nur der Schweif des Kometen wird die Atmosphäre streifen, Gas und ein wenig Staub in unendlicher Verdünnung. Gefährlicher wäre ein Spinnwebfaden für einen laufenden Elefanten, spöttelt ein Berliner Astronom, um den immer gleichen sensationsheischenden Fragen ein Ende zu machen. Es hilft nichts. Wer an den Weltuntergang glauben will, hält sich an die Blausäure. Am unbelehrbarsten ist die Hysterie in den Vereinigten Staaten, wo gewiefte Propheten leichtes Spiel haben, ihrer Schar den letzten Cent aus der Tasche zu ziehen. Das aufgeklärte Europa ist gespalten. Während die Kometenfurcht in randständigen, ländlichen Gebieten die Menschen verdüstert und einige gar zu Verzweiflungstaten treibt, reagiert die Unterhaltungsmaschinerie der Metropolen schon ironisch. Der Komet ist ein event, der Weltuntergang eine Gelegenheit zum Feiern, die so bald nicht wiederkehren wird. In Paris bleiben Restaurants bis zum Morgengrauen geöffnet, Menschentrauben schieben sich von Bar zu Bar, es herrscht Feststimmung. Auch in Wien sind Tausende unterwegs; auf dem Kahlenberg, dem Logenplatz über der Stadt, kampieren seit Tagen ganze Familien. Ruhiger geht es in den Provinzstädten zu, hier regiert die Neugierde. Man feiert nicht, man exaltiert sich nicht, aber verpassen will man auch nichts. So zum Beispiel in Prag, wo unter den nervösen Blicken der Polizei die Karlsbrücke zum Treffpunkt der Flaneure wird, bis lange nach Mitternacht. Der Tag war heiß, die laue Nacht weckt die Lebensgeister. Wer freie Sicht auf den nächt-lichen Himmel will, schlendert hinauf zu den höher gelegenen Stadtteilen, zum Riger-Park, aufs Belvedere-Plateau, auf den Laurenziberg. Einige Hundert Menschen gehen hier vorsichtig umher, viele mit Operngläsern, und das Dunkel ist erfüllt von gedämpften Gesprächen. In einer dieser Gruppen wird besonders angeregt geplaudert, denn Literaten sind es, die hier beisammen sind: Ein gewisser Franz Blei aus München, knapp vierzig Jahre alt, seit wenigen Stunden erst zu Besuch in Prag, begleitet von seiner Frau Maria, einer vermögenden Zahnärztin, und dem gemeinsamen Sohn; daneben der 26jährige Max Brod, Postbeamter und Schriftsteller, der heute einen erotisch besonders desolaten Tag hatte und den nach Aufmunterung verlangt; seine ebenfalls noch unverheiratete Schwester Sophie; und schließlich, schmal, sehnig, ein Jahr älter als Brod und einen Kopf größer als alle anderen, der Versicherungsbeamte Franz Kafka, auch er ein Dichter, der auf den fünfzehn Seiten, die er bisher veröffentlicht hat, das Talent einer künftigen Lokalgröße durchaus erahnen läßt. Es sind wohl eher die Frauen, die sich von der Erscheinung des Kometen etwas erwarten; die Männer haben anderes im Sinn, und keiner von ihnen wird den besonderen Anlaß dieses Spaziergangs noch einer Erwähnung wert finden. Nich
Autor: Reiner Stach
ISBN-13 :: 9783100751140
ISBN: 3100751140
Erscheinungsjahr: 01.09.2002
Verlag: FISCHER, S.
Gewicht: 1002g
Seiten: 640
Sprache: Deutsch
Sonstiges: Buch, 219x158x52 mm, Mit Abb.